Zu alt um ein Instrument zu erlernen?

Bin ich zu alt, um ein Instrument oder Singen zu erlernen?

Diese Frage bekommen wir in der Vienna Music School sehr oft gestellt. Oft werden wir von Interessenten kontaktiert, die gerne Gesangsunterricht nehmen oder ein Instrument lernen wollen, sich aber nicht sicher sind, ob sie dafür nicht längst zu alt sind. „Was Hänsen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ Diesen Spruch kennen wir vermutlich alle und viele von uns glauben vielleicht sogar an die Richtigkeit.

Unserer Ansicht nach sollte man diese Frage aus verschiedenen Gesichtspunkten beleuchten. Einerseits ist da die Frage der (freien) Zeit. Ja, als Erwachsene haben wir Verpflichtungen wie unseren Beruf  und unseren Familien gegenüber. Das bedeutet natürlich, dass wir im Gegensatz zu Kindern weniger freie Zeit zur Verfügung haben. Andererseits haben gerade heute auch viele Kinder einen ziemlich vollen Terminplan. Nach der Schule geht es oft in den Musikunterricht, zum Sport, in spezielle schulische Leistungskurse und vielleicht noch zu Freunden. Für das Erlernen eines Instruments oder den Gesangsunterricht sind daher bei Erwachsenen (wie eigentlich auch bei Kindern) eine gute Zeiteinteilung und richtige Übungsmethodik wichtig. Jeder professionelle Musiker hat im Studium die Erfahrung gemacht, dass sich die Gesamtübungszeit mittels überlegtem Üben und den richtigen Methoden drastisch reduzieren lässt.

Ein häufiges Argument ist auch, dass ein kindliches Gehirn aufnahmefähiger ist, als das Gehirn eines Erwachsenen. Die aktuelle Forschung zur neuronalen Plastizität widerspricht dieser Annahme aber relativ deutlich. Wenn man von neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer oder vaskulärer Demenz absieht, so bleiben unsere Gehirne auch im hohen Alter noch veränderbar, das bedeutet, wir bleiben auch im Alter noch lernfähig.

Oft wird auch das Erlernen der Muttersprache als Argument gebracht, dass Kinder lernfähiger sind. Auch das sollte man differenziert betrachten. Es gibt viele Beispiele von Erwachsenen, die Sprachen sehr schnell und akzentfrei erlernt haben, meist durch sogenannte Immersion. Ein Kind hat vielleicht in Bezug auf Sprache den Vorteil, dass die „Fluchtmöglichkeit“ fehlt, das bedeutet, es ist immer und überall von seiner Muttersprache umgeben, es könnte gar nicht entkommen, selbst wenn es wollte. Aber gerade der Erfolg der Lernprogramm die sich der Methode der Immersion bedienen zeigt, dass es auch für Erwachsene möglich ist, diese Art des Lernens zu simulieren. Sehr oft lernen Erwachsene dann eine Fremdsprache sogar schneller als Kinder.

Es gibt auch Punkte, in denen ein Erwachsener eindeutige Vorteile einem Kind gegenüber hat. Sollte ich mich als Erwachsener dazu entschließen, mit der Musik zu beginnen oder dort weiterzumachen, wo ich als Kind aufgehört habe, so tue ich das meist aus eigenem Antrieb heraus. Das bedeutet sehr oft, dass mir mein Fortschritt sehr wichtig ist und dass ich konsequenterweise auch versuche, regelmäßig und konzentriert zu üben. Es kommt hier wesentlich mehr auf die Qualität des Übens, als auf die Quantität an. In Bezug auf die Qualität des Übens kommt einem Erwachsene auch deutlich die größere Erfahrung in Bezug auf sich selbst und einer höhere kognitive Leistungsfähigkeit zugute.

Es spricht also vieles dafür, dass auch Erwachsene durchaus noch ein Instrument auf einem hohen Niveau erlernen können. Am Anfang des Lernprozesses steht aber in jedem Fall eine klare Entscheidung dafür. Bei allen anderen Punkten helfen wir Ihnen gerne weiter.

 


Published on 22.05.2016